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Gift of

Mrs. Gertrude B. Mahrholz

STANFORD UNIVERSITY LIBRARIES

ä

PT 2527 Sc 6 /85’] v, le /8

Ferdinund rad 5 ausgewählte Schriften

Volks- und Familien-Ausgabe.

Sehsyehnter Em.

Zweite Auflage

Leipzig, Ernft Keil. 1858.

Meossofen

Rovellen und Erzählungen

von

Ferdinand Stolle.

Aueiter Cheil.

|

Zweite Auflage,

Leipzig, Ernſt Keil, 1858,

Die Nofe von Segovia.

Launige Erzählung.

1.

SH lange die civilifirte Welt fteht, und das ift fo lange nicht her, da fie dieſes Prädicat erſt durch bie wohllöblihen Poſtämter und Zeitungserpebitionen an fi) gebracht Hat, jo lange ein anfehnlicher Theil des löblihen Poſtperſonals das Gegentheil vom Poſtpa— pier, und die Lungen der Briefträger pulfiven in of- ficieller Haft, ift von legteren noch feiner mit folcher

Sehnfucht erwartet worden, als der Briefträger Jacob Flügel vom Studenten Johannes am heiligen Car— pafinstage.

Bereit3 feit einer halben Stunde, denn Johannes wußte genau, wenn die gebirgifche Poſt bei gutem ‘oder böfem Wetter eintreffen mußte, hatte dieſer fei= nen Kopf in die warme Atmosphäre der Gaffe hin- aus gefteckt, wie in ein wohlthuendes Bad. Daß die— fen Morgen ein wunderfchöner Frühlingstag aufges blüht war, das ſchien ihm klar; wiewohl er von den blauen Frühlingswellen, die unter Lerchengefang über Giebel und Dächer dahinwogten, nicht das Geringfte gewahr murbe, weil er Nichts davon jah. Selbft dem Heinen Gilberftreifen über fi), aus dem wie aus einem Himmmelsriffe Licht und Luft in die winterfeuchte Gaſſe herabftrömte, fonnte er ohne Gefahr den Briefe träger zu verpaffen, Feiner Betrachtung widmen. Wäre

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[

nicht Pofttag geweſen, jo würde fi Johannes unbe- ftritten auf den Oberboden des Haufed begeben. ha= ben, wo die Hafenfelle des Hutmachers hingen, und wo er wenigften® fo viel Himmel zu ſehen befam, als er brauchte für feine Bruft. Daran war heut nicht zu denken.

Für die Späherblicke des Studenten nach dem Briefträger konnte es aber diesmal nichts Aerger— liches geben, als der Erker des Nachbarhauſes, der wie ein Glasſchrank weit in die Gaſſe hineingebaut war. Johannes fonnte zwar hindurch fehn und that's au, aber e8 half ihm Nicht und daran war eine Gevatterfchaft ſchuld. Die Erferfürftin war Pathe und ließ ſich frifiren. Das gefanmte dienende Pu- blikum, ver Frifenr an der Spitze, tanzte in gejchäf- tiger . Eile wie die ‚Kinder Ifrael um das ferzengrad- fisende Steipbild. Moſes konnte fi) vor zweitaufend Fahren über ſolche Heidengräuel nicht mehr ärgern als Johannes.

Indeß gelang ihm nad langen vergeblichen Ver⸗ ſuchen ein entjcheivender Blick zwifchen den Erferpu- biifum hindurch, und zwar mitten durch eine majeftätifche Haarpuffe, die foeben unter ver Meifterhanp des Friſeurs emporgeftiegen war.

Die Crferfürjtin, die feine Ahnung hatte, daß die fühnen Windungen ihres Haupthaard dem Stu— benten als Lorgnette dienten, nad) dem Briefträger zu guden, blieb ruhig figen, und fo warb dem Jo— hannes endlich die Freude, am äußerften Ende der Straße einen gelben Punft zu entveden, der aber fogleich wieder unſichtbar wurde.

‚Wenn das nicht Flügel war, will ich nicht Jo— hannes heißen,‘ rief der Student und tanzte in der Stube. herum; denn jet konnte er ſich ſchon einige

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feine Fenfterferien erlauben, da er mit dem Laufe des Briefträgerd genau befannt war. Flügel brauchte wenigftend eine Biertelftunde, ehe er wie eine Maus die Schluchten und Gemächer des Frenzel'ſchen Haus ſes, in weldhem er unfihtbar geworben, durchfahren hatte. Johannes allein kannte fieben ftudirende In— quilinen daſelbſt, vie alle auf Geld Tungerten und in Flügeln den Gefegneten des Herm verehrten.

Indeß litt es unfern Freund nicht allzulange im Stübhen; er lag bald wieder im Fenſter und ſah durch die Puffe, welche unterdeß zwei ebenbürtige Colleginnen erhalten hatte. Da ſah er, wie ſo eben zwei lange Landsmannſchafter mit rothen Mützen, die Briefcouverts® in der Hand, aus dem Frenzel'ſchen Haufe ftürzten und der Poft zu. Ein Haufe Mani: häer trampelte hinter drein. Ein paar Burfchen- Ihafter folgten. Endlich erfchien Flügel felbft, wie ein Gott, der Segen fpenbet, Hoffnungen vernichtet. Dreizehn hoffnungslofe Phyfiognomien, auf denen fid) ſämmtlich getäufchte Erwartung malte, wurden jeßt in den Fenſtern ber vierten Etage fihtbar und fahen den Davoneilenden trübjeligen Blickes nad).

Indeß mußten die Beobachtungen, die Johannes durch den Erfer und Buffe angeftellt hatte, nicht. bei= fällig bemerft worden fein, denn mit einem Male fenfte ji eine graue Wand herab; und wenn Jo— hannes nit die Kunft verſtand, um die Ede zu je hen, ftand es ſchlimm. Er tobte und verwünfchte ven Erferbau und lobte e8, daß Feine ſolchen Glasſchränke mehr geduldet würden. Er befam num Slügel nicht eher wieder zu Geficht, als bis dieſer durch Die end- Iojen zwei -Häuferreihen ſich durchfreſſen und ganz nahe war, wozu es noch einer ſchönen Zeit bedurfte. Johannes benubte dieſe, um ſeine Habſeligkeiten vol—

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lends zufammen zu paden, und dem verehrten Leſer kann zugleich vertraut werben, warum Johannes grade heut auf dem Briefträger fo erpicht war.

Die Sache war diefe. Der Onkel unſers Jo— hannes, ein Mann an Herzlichkeit, Biederkeit und Humor, wie e8 wenige giebt, hatte ein höchſt roman- tiſch gelegnes Waldſchloß ererbt; und da die Lage deſſelben fo wunderfhön und die Gegend jo roman tisch, daſſelbe mit feiner Bamilie feit Kurzem für be— vorjtehenden Frühling und Sommer bezogen; den Neffen aber bereits gelegentlih einladen lafjen, die bevorftehenden Frühlingsferien bei ihm zuzubringen, - und heute follte denn die officiele Einladung erfolgen, nebft erklecklichem Viaticum.

Johannes, nachdem er noch ein paar juriſtiſche Wälzer in den Torniſter geſchoben, eilte wieder an's Fenſter und hatte den Moment ſo gut getroffen, daß er nicht lange zu warten brauchte, als Flügel aus dem Nachbarhauſe ſchief über herauſstrat. Dieſer ſo wie er unſern Freund, der auch der ſeinige war, anſichtig wurde, ſchwenkte ſeine Mütze hoch in der Luft, und verſchwand gleich wieder in der angren— zenden Tabadshandlung.

Dieſes Mützenmanöver war aber ein Außerft gün— jtiges Phänomen für Iohannes, der fi Flügeln zum lebendigen Telegraphen abgerichtet hatte Ihm blieb jest nichts Eiligeres zu thun, als ever und Tinte zum Quittiren hervorzuſuchen; und bald trat der Gejegnete des Herrn in's Zimmer.

Der Brief des Oheims, den zu Johannes frohem Schreck mehre Louisd'ore begleiteten, lautete aber wie folgt:

„Mein guter Hans! „Laß Alles ſtehen und liegen und komm zu uns.

44 Wir können des Frühlings nicht Herr werden. Du mußt helfen. Wir freuen uns Alle fehr auf Did. Aber um fiel zu leben, mußt Du Di für dieſe Ferien zu folgenden Bedingungen verftehen:

A, Den Yuriften auszuziehen.

B. Seine homöopathifhe Kur anzufangen.

C. Keine Journale zu Iefen.

D. Did nicht zu verlieben.

„Ohne diefe Bedingungen halte ich ein poetiſch- humoriſtiſches Leben für nicht denkbar und ein foldyes wollen wir führen. Bring doch einen guten Freund mit. Wo möglih fo ein Stüd Poet; Du verftehft mid ſchon. In unfrer Gegend findet er Futter, und ih) hab es für's Leben gern, wenn ſich die Leute ber herrlichen Natur freuen. Ale grüßen herzlih und mahnen zur Eile. Oben an fteht j

. Dein alter Onkel.”

As Poftfeript waren nody folgende Worte von

niedliher Mädchenhand gejchrieben: „Wir fürchten und ganz entſetzlich in dem alten Schloſſe. Helfen Sie uns ja recht balo, lieber Vetter, gegen die Gefpenfter kämpfen. Pauline. Zugleih im Namen der Mutter und Schweſter Maria.”

Das Erfte, was Johannes nah Durdlefung des Briefs vornahm, war,. daß er fi) wie der böſe Feind über den Tornifter warf und mit einem Griffe zwei corpulente Panvectenhefte herausrig. Meiſters Cri- minal- und Biener's Prozeß folgten. in jchönes Kirchenheft mit diverſen Schwänzen ereilte daſſelbe Geſchick. So, rief er erleichtert auffpringend, ift der Yurift ausgezogen. Der Onkel hat ganz Net, wie konnte mir's einfallen, den Frühling auf dem Lande

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dur dieſe Wälzer zu entweihen. Cr griff wieder nad) dem Driefe und las: „Keine homöopathifdhe Kur anzufangen.” Ich verftehe, ver Onkel hat einen treff- lihen Wein im Keller, wer ba nicht trinft, iſt nicht fein Mann.

Drittens: ‚Keine Journale zu leſen.“ Das iſt freilich ſchlimm. Geſtern erſt hab ich ein halb Dutzend ſchöner Gedichte in die Zeitung für elegante Welt geſchickt, die gewiß bald erſcheinen werden, und wo durch ich mich bei den Damen in Buchenfels zu in— finuiven hoffte. Närriſcher Ontel.

Viertens: „Sic nicht zu verlieben.‘

Diefe Worte ſprach Iohannes etwas leife wor ſich hin. Eine leichte Wolfe floh dabei über das ſchöne Geſicht.

Nachdem Johannes auf dieſe Art das Schreiben commentirt, machte er ſich nah dem im ‚Briefe er- wähnten Freunde auf den Weg.

2.

Der Student Eginhard jchritt fo eben, Heine's Keifebilder in der Hand, mit großen Schritten im Zimmer auf und ab und declamirte:

„Britannia, dir gehört Das Meer; aber das Meer hat nicht Waſſer genug, um abzuwafchen die Schande, Die der große Todte dir fterbend vermacht hat.“

Da ftürmte Johannes herein, den Brief des On- feld in der Hand. ‚Da lies, Beſter,“ rief er, und hielt dem Deflamator den Brief hin. Diefer aber ließ ſich nicht ftören und fuhr fort:

„Nach langen Jahren noch werden die Stnaben Granfreih8 fingen und jagen von ver fihredlichen

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Haſtfreundſchaft des Bellerophen, und wenn dieſe Spott- und Thränenliever binüberflingen über den tanal, giebt e8 fein Britannien mehr.“

„Nimm Bernunft an und höre mid,“ beſchwor ohannes; aber Eginhard gerieth nur noch mehr in's feuer, und rief mit erhobener Stinme:

„Und Sanct Helena ift das heilige Grab, wohin ve Völker des Orients und Occidents wallfahrten in untgewimpelten Schiffen und fih ſtärken an ven haten des weltlihen Heilands, ver gelitten unter Sir Hudſon Lowe, wie es gejchrieben fteht in den vangelien des Las Cafes, Omeara und Antomardıi. höttliher Heine!“

Cr ſank erſchöpft in, den Seſſel. Johannes er⸗ udigte ſich jetzt, ob der Raptus vorüber? Aber tt der Antwort tönte es dumpf: „Wie e8 gefchrie- n fteht in den Evangelien des Las Caſes, Omeara dw Antomarchi. Göttliher Heine! Doch glei rauf ſprang Eginhard wieder auf und fiel dem Jo— mes um den Hals.

„Weißt Tu e8 fon,” rief er, „ein neuer Band n Heine iſt erſchienen!“ „Ta weiß id) nod) sured,“ ſprach Johannes, und reichte den Brief bin.

„Böttliher Heine!” murmelte Eginhard vor fid ı und begann Das Schreiben zu lefen; aber kaum tte er es überflogen, als er mut beiden Armen den eund erfaßte und zu walzen begann.

Johannes, mit der drolligen Art Eginhard's wohl annt, walzte mit, bis der Enthuſiaſt nach Yuft tappend ausrief: „Das ift übergöttlich. Wenn en wir?“

„Lieber heut al8 morgen.‘

„Auf der Stelle, Theuerftr! Das wird eine mmlishe Romantif. Die Coufinen, find fie hübſch?“

A

„O ja, recht hübſch.“

„Natürlich, Pauline heißt die holdſelige Schrei— berin; alle Paulinen ſind wunderhübſch; ich habe noch feine häßliche gekannt. Und Maria! O engel- gleicher Name

„Maria möcht' ich Dich begrüßen Mein Herz hat ſtets Dich ſo genannt!“

„Armer Wilhelm Müller,“ fuhr der Enthuſiaſt in Wehmuth übergehend fort, „er hat dieſen ſchönen Frühlingstag nicht erlebt. Aber er ſoll leben. Komm Freund, wir bringen ihm einen Becher in Orlando's geifterreidher Tiefe. Wir haben es ja lange nid daran gewendet. Wein, Freude und dazwiſchen ein "Klang der Wehmuth und Erinnerung an heimgegan= gene Lieben wir lieben e& ja Beide.“

Johannes ließ ſich das heute nicht zwei Mal fa gen, und wenn e8 dem Leſer gefällig, fo Hettern wir ein wenig mit hinab zu Orlando.

3.

Orlando's weltberühmter Weinkeller beſtand aus zwei Abtheilungen, wovon die erſtere das Forum hieß. Hier war es wohnlich, hell und gemüthlich. Hier ſaßen an den langen polirten und zierlich mit Wachsleinwand überzogenen Tiſchen die Advokaten, die in einem Viertelſtündchen einen Termin in dem nahegelegenen Rathhaus abzuwarten hatten; die Me= diziner, die auf ihren Krankenbeſuchen zufällig. an der verführerifchen Kelleröffnung vorbeigeführt wur- den; die Chirurgen, die fih Courage tranfen zur be- vorftehenden Operation, und Canditaten, die dafjelbe thaten, wegen des heutigen Examen; Sthaufpieler,

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je tie Probe verfäumt; Studenten, die mit lobene- verthem Eifer in die Panvdecten gerannt, aber vom eltfjam lächelnden Famulus erfahren, daß die Frau Gemahlin des Pandectarius eines Söhnleins genefen; Dekonomen der Umgegend, tie Hafer und Wolle zur Stadt gebracht; Aefthetiler, Polititer und jchöne Gei— ter von Profeſſion.

Berge von Zeitungen aus allen Weltgegenven vom ſächſiſchen Trompeter bis zum Moniteur Ottoman yurden alle Tage wie heut aufgeſchüttet und ver- hlungen. Zuweilen floh die gejellige .Wechfelrere sie Schmetterlinge über die Gefellihaft, zumeilen wie: er gab es ſtürmiſche Debatten. Alle politiiche, veligiöfe nd Titerariihe Farben und Parteien waren vertreten.

Nur an gewiſſen Tagen herrichte Zoptenftille, 5 der Abjolute ruhig neben vem Radicalen, der Supernaturalift ruhig neben den Nationalen, ver [lopath ruhig neben dem Jünger Hahnemann’s, und ian vernahm nur ein allgemeines Eſſen, wie bei ven yeufchredfen, die man auch nicht zu ſehen braudıt, m von ihrer begleitenden Nähe und ihrem Appetite berzeugt zu fein. Dieſes merkwürdige Phänomen md aber allemal an folben Tagen jtatt, wo Herr Irlando feine neu angelangten Brüden, Sprotten, achſe und feinen veliciöfen Cheſterkäſe im Tageblatte ngekündigt hatte.

Links ab vom Foro führte aber ein ſchmaler, unkler Gang zu einer kleinen mit Eiſen beſchlagenen hür. Nur ganz entfernt vernahm man hier noch m Lärm des Forum. Gin düſtres Yämpchen be= uchtete Die dunfle Pforte Das war der Eingang ir zweiten Abtheilung des Kellers, das heilige zrab genannt. That fih die Pforte auf, fo fah tan in die finftere Felſenſchlucht hinein, durch welche

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eine ſchmale Treppe zum tiefunterften Keller führte. Hier Lagen in dunkler, geheimnißvoller Stille vie Cabinetsftüde des Orlando, in langen Stüden. Was die Sonne vor langen, langen Jahren gekocht Hatte auf fernen weinfröhlicyen Hügeln, ruhte ſtill und hei- lig in den gediegnen Stüdfäffern. Hier lagerten bie Ihweren dunklen Ungarweine, die golonen Perlen des Rheingaus, die flammenden Italiener und ver ölige, dunfelfarbige Ausbruch des glühenden Hispaniens.

Eginhard und Johannes, die Bruft voll Himmel und der Eine überdies drei wahrhafte Louisd'ors in der Zafche, hatten eben im Sonnenlichte geſchworen, einmal einen Ducaten nicht anzufehen und lebenpi- gen Leibes hinabzufahren zum Grabe.

„E83 ift nut Jammerſchade,“ meinte Eginhard im Hinabklettern, „daß ih Hauf's Rathskeller nicht zu mir geſteckt habe,“ und Hans beſtellte eine Flaſche Pedro Ximenes. Zwei Wachskerzen erleuchteten dü— ſter die todte Weingruft; der dunkle Spanier flammte und duftete; die Römer klangen an einander.

„Den heimgegangenen Lieben, begann Johannes anftoßend, „und allen guten Meenfchen, vie dort oben . wandeln in Freud’ und Schmerz!”

„Und in Specie,” fügte Eginhard hinzu „Dein Onkel nebft den Holden Coufinen. Unſre Landsmann Ihafter würden jagen: es ift ein Pradhtphilifter. Jetzt aber, Hans, beſchwör' ih Did, vor allen Din- gen und mit allem Ernſte unfre poetifhe Situation

gehörig zu überlegen. Man muß fid) verfelben nur vecht bewußt werden. Bedenke, da zwei Etagen tief im Eingeweide der Erde bei Kerzenlicht und gefüllten Bechern. Ueber uns trampelt die Profa herum wie toll, und über diefer jubeln vie Lerchen im himmli- ihen Blau. Sonft überall Frühling, die Blumen

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Liegen ellenvif auf ven Fluren. Wir hören und fehen von alle dem Nichts. Aber mein dunkler PBararedes erzählt mir dafür von femer fernen fonnigen Heimath im Tieblichen Xereß, Abſeits der großen Straße liegt das freundliche Städtchen in heiterer Stille. Nur felten verirrt ſich ein Reiſender dahin wegen der Räuberbanden in den andaluſiſchen Gebirgen. Aber wer einmal dort geweſen, ber erzählt wie aus Tau⸗ jend und einer Naht von den herrlihen Bodegas, ven großen Weinfathebralen von Keved. Da ftehen in ſymmetriſcher Ordnung die Fäſſer zu taufenden, und langjam wandelt man auf und ab, madıt von Zeit zu Zeit Halt und fest ſich rittlings auf ein Faß, wie der alte Silen. Dann foftet man den ſüßen Pararedes, den duftigen Muskatello und jene unvergleichlihen bunfelfarbigen Weine, die wohl ein halb Jahrhundert erlebt und deren Duft allein ein todtkrankes Weinküferherz vom Tode erweden könnte. Während außerhalb Alles von der glühenden Hitze Spaniens verfentt wird, herrfcht in den Bodegas eine ewige erquidende Kühle Stoß an, Hand, Spanien lebe!"

„Aber das freie Spanien,‘ fiel Diefer mit Wärme ein, „Das freie Spanien, auf dem fein Blut, feine Thränen und Flüche ermorbeter Mauren, Inkas und Niederländer laſten. Unglückliches Land, unglüdliche Sonne, die diefe goldne Fluth kochte.“

„Ppolitifire nur nicht gleich,” ſprach Eginhard, „wir figen ja nicht im Foro. Aber Du haft Recht, ih bin Spanien aud nicht grün. War das ver- wünſchte Land nicht, Der große aifer lebte noch und wir riefen heute noch Vive l’empereur! Nun fei nicht böfe,“ fuhr er, Johannes die Hand hinreichend, fort; „ich kenne ja wohl Dich Republikaner; aber ich kann

Stolle, fämmtl. Schriften. XL" 2

18 mir einmal nicht helfen. Denke nur, Kaiſer ver großen Nation.”

„Die große Nation war feine freie Nation,“ erwiederte Johannes ernft- „Aber unter dem liebens- würdigen Juftes- Milieu, den Doctrinaird und wie fie alle heißen, da ift fie e8 wohl, he? Jetzt aber, befter Hans, laß uns vor allen Dingen unfere Reife über- legen. Ich darf gar nicht daran denlen. Wann brechen wir denn auf?“

„Am Schönften wär" es,“ meinte Johannes, „des Abends. Wir gehen die Racht hindurch, da die Tage fo warn find.”

„Göttlicher Gedanke,” rief Eginhard, „himmliſche Banderung. Rings Abenblauten frievliher Dörfer, heimfehrende Heervengloden. Das Abendroth glüht, bie heiligen Sterne ziehen herauf, wir immer barun- ter hinweg. Zur Rechten und Linken träumende und buftende Blumen. Wir hindurch unter Sang und Klang. Dann feimt der Morgen. Die erfte Lerdhe fingt ihr frommes Meorgenliev am dunfeln Himmel. Bald bliden wir in das brennende Morgenroth und wandern bireft hinein. Die Sonne fteigt herauf, wir immer vorwärts Bis neun oder zehn Uhr; dann Sieſte gehalten in irgend einem fchattig gelegenen Dorfe. Apropos, Dein Onkel fammt Coufinen haben wohl noch feine Ahnung von Heine?”

„Wohl ſchwerlich,“ Tächelte Johannes.

„Da muß ich das Bud, der Lieber noch einfaden,“ entſchied Eginhard. „Bruder, es wird himmliſch. Das war fhon immer mein Wunjch, einmal einen Yrühling zu verleben, in herrlicher Gegend, poetifch, hamoriſiſch unter guten frohen Menſchen.“

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4.

O meine Leſer, ich hoffe, es iſt keiner unter Euch, der nicht einen Haufen duftender Frühlingsabende in der Bruſt trüge, ſei's in der Erinnerung, ſei's in der Hoffnung. Ich bitte Euch, fucht einen der ſchön— ften heraus, jo Ende Mai, ungefähr acht Tage vor der Himmelfahrt, wo ber tief fehattende Flieder, mit violetten Trauben überhangen, fteht, wo vie Alazien ihre Silberblüthen angezündet und die Kaftanien ihre Chriftbäumden des Mai's. Schon feimt der erfte Purpurblid in den Buſen der Roſen. Die Sonne ift gejunfen, die Lerchen fingen ihr nad im Abenb- roth. Aus der Ferne einjames Abenplauten, fonft Alles fill und Heilig. Nur die von der Sonne ver- laffenen Blüthen trauern und duften inniger vor Liebe und Sehnfudht.

Dann provozir' ih an Euch, erleuchtete Häupter, die Ihr hinter Alten, Kranfenbetten und feichenpre- dDigten thut und fchaffet, was Eure Amtes, blidt einmal zurüd durch einige Decennien, in bie Seit, wo Ihr unbeweibt, aus froher Bruft das „Gaudeamus“ fanget, in ven Aubitorien und Karzern Euch enuyirtet, am Ende des Halbjahres aber froh und felig hinaus zoget eines Abends in den Frühling, in bie Heimath; Ihr werdet ein Auge zubrüden, wenn fid) unfre Wanderer bereit8 innerhalb des ſtädtiſchen Polizei— diſtrikts, wo alles Rauchen bei harter Strafe verboten war, ihre Cigarren angezündet und himmelglücklich dahin felbanderten.

Eyinhard hätte die ganze Welt umarmen mögen und grüßte Alles, was ihm in den Weg fam; Hübjche und Häßliche, Belannte und Unbefannte, Jung und

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At, daß Johannes in gerechtes Exftaunen gerieth über ſolche Bekanntſchaft.

„Wachſen denn Deine Bekannten aus der Erde hervor?“ fragte er, der aus Höflichkeit die Mütze nicht auf den Kopf bragpte.

„Sind 'alles herzensgute Leute,” verficherte Egin- hard, „fieh, ſieh!“ Ein wunberliebliches Mäd⸗ chen ſchlüpfte ſo eben freundlichſt, doch ehrerbietig gegrüßt, mit einer Purpurglut auf dem Geſichtchen, vorüber.

„Wer war denn der Engel?“ fragte Johannes.

„Ein göttliches Kind!“

„Wer war ſie denn?“

„Ich weiß es nicht.“

Jetzt wurde es Johannes außer'm Spaße. Er zankte und ſchwor, lieber vorauszutraben, als ſich hier vor den Leuten blamiren zu laſſen.

„Ein göttliches Kind!“ rief Eginhard in beglückter Erinnerung und ehrerbietig ſenkte ſich ſeine Mütze vor einem alten Invaliden, der ganz verklärt dankte.

Johannes begann jetzt zu traben. Eginhard hin- terdrein und fo gelangten fie zum äußern Thore. Yeb- terer that hier einen ungeheuern Sprung in’8 Freie, ſchüttelte fih, drehte fih um, fchlug drei Kreuze gegen die Stadt und erklärte:

„Diefe drei Kreuze gelten nicht euch, holde Kinder mit den Blumengefihtern, nicht euch, Prachtphililter, bie ihr den Bruder Studio unter die Arme greift, nicht euch, fivele Kneipiers, die ihr nicht fogleih wegen eines foliden Pumpus das hochweife Uniwerfitätsgericht in Feuer und Flammen fegt, fondern leviglid euch heimtückiſche Schnurren und Pedells, die ihr uns das Leben, vie holde freundliche Gewohnheit des Dafeins

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verbittert, dir romantifhem Karzer und euch, ſaure Linfen des Convikts.“

Während Eginhard feine drei Kreuze erklärte, blickte auch Johannes, auf feinen Wanderjtab gelehnt, in die Straßen zurüd. Eine leife Wehmuth zog über das reizende Geficht, eine Thräne fehien nicht fern, als Eginhard zu zanken anfing, daß Johannes dem Abend- roth den Rüden zufehre.

„Was baft Du noch an dem Neſte?“ frug er, und die Zwei wanderten in den Abendhimmel hinein, „Iſt Doch, als für Dir ein Liebchen drinnen im Stein- haufen, in Thränen und Schmerz. Wie müßt id) thun; Larifari. Andre Städtchen, andre Mädchen. Mein Herz ift groß, da fümen ein paar Dutend himmliſche Kinder Cotillon tanzen und thun es aud). Nur feine Königin erwählt,; da bin ich ftrenger Re— publifaner.” |

Der Sprecher verbreitete ſich jetzt wetter über feine Herzensangelegenheiten, über fein Glüd bei den Da . men, wo er gewöhnlid nicht ermangelte, tüchtig auf- zufchneiden. Mit feiner Herzensrelation zu Ende, blieb er plöglich ftehen, ftütste fid) auf feinen Stab und Ihalt auf Johannes: „Großer Menſch,“ hob er an, „es ift nicht auszuhalten mit Dir, bift fo hübſch und noch nicht einmal ein Heines Liebeshändelhen. Sieh, wie allerliebft e8 wär’, wenn wir fo in Compagnie unfre Herzen vermietheten an niedliche Inwohnerinnen.

Das iſt ungemein praftifch, gleiche Liebe, gleiches In—

terefje. Aber was it mit Dir anzufangen, - Nova Zemblianer, Eisbär, Kiejelherz.“

Yohannes fchien etwas erwiedern zu wollen, doch ſchwieg er und fragte nad einer Baufe: „Glaubſt Du denn bei allen Deinen Liebfchaften wahrhaft geliebt zu haben?“

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„Wie,“ rief Eginhard, „ich nicht geliebt? Heiliges Abendroth, ich nicht geliebt! Hans, fol ih Dir Hi- jtorien erzählen? In feinem Romane kann's toller hergeben, als in meiner erften wahren Liebe. Mein Herz war ein Vulkan. Jetzt iſt's ausgebrannt; und was ich Dir vorhin von meinen Liebſchaften erzählte, it bloße Verzweiflung.”

„Bloße Verzweiflung?!

„Sa, Berzweiflung mit Philofophie vermiſcht.“

War's denn eine gkädliche oder unglüdliche Liebe? fragte Johannes.

„Eine unglüdliche,” tönte es dumpf.

„Und haft mir hie davon erzählt?”

Eginhard fiel feinem Reiſegenoſſen um den Hals. „D Hans,” rief er, „laß mid weinen, an treuer Freundesbruſt heiße Thränen weinen; aber Hans ih beſchwöre Did reife alte, kaum verharrichte Wunden nicht auf laß mich fchweigen.” Den Jo— hannes, der das Weſen feines Freundes nur zu gut fannte, war lange nicht fo romantiſch zu Muthe, ale legterer glauben mochte. Er war überzeugt, daß es mit diefer unglüdlichen Liebe nicht viel auf ſich habe; erfüllte aber Eginhard's Wunfh und fragte nicht weiter.

Diefer dankte gerührt mit den Worten:

Laß diefen Blick und Händedruck Dir fagen, Was unausiprechlich iſt.“

Unterveß brach die Dämmerung tiefer herein und dichtere Flore ſanken auf den geftorbenen Abend herab. Eginhard fprad noch viel über Liebe, Tod und Un— fterblichfeit, al8 in der Ferne ein erleuchtetes Haus fihtbar ward, und bald darauf Töne von Tanzmuſik durch die Stille des Abends baherwehten. ‘Diele

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Zanzmufif gab Eginhard wieder vollauf Stoff zu me lancholiſchen Betrachtungen.

„Keine Muſik,“ ſprach er, „hat fo etwas wehmüthig Ergreifendes als Tanzmufit, welcher man einfam von fern zuhört. ' E8 Liegt ein eigener Charakter in Diefen Tönen. Es ift, als ftünde ver ferne Zuhörer body über dem Irdifchen und als ftaunte er gleihfam auf das finnverwirrende Treiben herab, deſſen Nichtigkeit ihm jetzt erft recht klar würde.“

Alsbald erreihten unfere Freunde den Tummelplat ber Luft. Es war ein Iuftiges Lanpvölfchen, das hier eine Hochzeit feierte. Johannes beftellte fich einen fri- ſchen Trunk und fette fih in eine Laube am Haufe, in welche ter Abenpftern lieblich ſtrahlte. Eginhard war bald im Gedränge verſchwunden.

Der Abend war wunderſchön und frühlingswarm. Rings träumende Blumen, duftende Stille. Immer goldener tauchten einſame Sterne aus den Tiefen des Himmels herauf und nur der etwas wüſte Lärm des Gaſthauſes, die grellen Töne der Tanzmuſik ſtörten die Harmonie des Abends.

Johannes wandelte den Gang am Hauſe entlang und trat in den nächtlichen Garten.. Hier war es ftil- ler und heiliger. ine Heine Terraffe von duftenden lieder umwachſen, erhob fih im Hintergrunde, und leiſe, damit er die goldenen und filbernen Gloden und Kelche nicht aufwede, ftieg Johannes hinauf und über- ſchaute die nächtliche Gegend.

Aber bald wandten fich meine Blide nad) ver Ge— gend, die er daher gewandert, und 'weilten lange da— ſelbſt. War es die Wonne des Abends oder eine andere Duelle im Innern des Jünglings, daß ihm eine Thräne in die Augen trat. Den Lippen aber entfchwebte ein füßes Geheimniß, das bisher wie ein

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Räthſel tief in feiner Bruft geruht hatte der Name Eugenie,

Dem aufmerfjamen Leſer wird jetzt hoffentlich über unſern Johannes ein Licht aufgegangen ſein. Hatte ver heitere Frühlingsmorgen, wo er nad) dem Brief⸗ träger fpähete, das Dejeuner bei Orlando nichts ver rathen, der Abſchied am Thore nur ahnen lafjen, fo fonnte er doch am tiefſchattenden Abend, wo die Sehn⸗ ſucht, dieſe füge blafle Tochter der Unfterblichkeit, ftärfer duftet, wie die Nachtviole, nicht verborgen blei- ben, daß auch in feinem Herzen ein holdes Bild lebte, daß vielleicht Die Liebe ihre erjten golpnen Funken hin⸗ eingeworfen hatte. Gleichwohl ſchien e8 nur dus erfie Srühlingsahnen, das erſte Sehnen der Knospe zur Sonne. Wie ein ſeliges Morgenroth war Eugznien’s Bud vorüber geſchwebt. Ob er ſie felbit je wieder zu ſehen hoffen konnte, das war der ſüße Schmerz feines Innern. War das Mädchen nicht auf der Durchreife begriffen geweſen?

Aber dich, heilige Stunde des erſten Findens, des erjten jeligen Himmelsblickes in jene Welt, ver erften fihern Gewißheit von einem Engellauve, von einer Un- fterblichkeit dich hatte er empfunden.

Johannes mußte lange nach Eginhard fuchen und fand ihn endlich mitten unter ven Tanzenden, ein lieb⸗ liches Landmädchen am Arme, Iuftig dahin walzend.

„Sreif zu, Hans,” rief der Tänzer ſchon von ferne; „lerne das Glück ergreifen.“

Aber Johannes war gar nicht zum Tanzen aufgelegt, und mußte nur im Stillen den Freund belächeln, der noch vor Kurzem ſo pathetiſch über die Nichtigkeit alles Irdiſchen, über Tod und Unſterblichkeit deklamirt hatte. Endlich gelang es ihm, Eginhard zum Weiterwandern zu bewegen.

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„Wir hätten immer noch ein Weilchen bleiben fün- nen, meinte letterer; „wer den Augenblid ergreift, ift ver rechte Mann. Es war ein nette® Rind, meine Tänzerin; fie hat nod) zwei Schweitern und einen Bru⸗ der. Ihr Gütchen Liegt zwei Stunden von bier. Ihr Bräutigam will mit ber Hochzeit nicht länger als ein Jahr warten; ich verdenk's ihm nicht.“

Eginhard ſprach noch Vieles über die Familien— angelegenheiten ſeiner Tänzerin, und dem Johannes war es ein Räthſel, wie fein Freund ſogleich mit Gott und aller Welt befannt ımb vertraut werben fünnte. Er befragte ihn darum.

„Wie ich. e8 anfange, lachte dieſer, „nun das giebt - fid) von- felbft. +Mein Motto ift: Traurig mit den Trauernden, froh mit den Fröhlichen. Da kann e8 gar nicht fehlen. Man ſchickt fich in die Zeit und Umftände und fieht feine Leute an. Freilich mit einer Vorleſung über Zod und Unfterblichkeit darf ich auf einem Tanz⸗ fanle nicht fommen. Hätteft auch) em Wenig mit Tdn- nen herumfpringen, num werde ich im Laufen früher cabuf werben als Du.”

Immer goldener brach die Nacht herein. Die Freunde blieben oft ftehen, fid) am herrlichen Sternen- himmel zu orientiren. Eginhard deklamirte:

„Die Sterne, die dort oben wimmeln, Sind Himmel, jagt man, fel'ger Luft Der jeligfte von allen Himmeln,

Das ift der Himmel in der Bruft.

Es ift Jammerſchade,“ fuhr er fort, „Daß ber herrliche Schmidt von Yübed fo wenig befannt ift. Ich habe feine Lieder daheim; fie find ein wahres Yabfal. Wo nur der Gute die Mufe herbefommt; fo ich nicht irre, iſt er beim Rechnungsfache in vabeck angeſtelt; Ziffern und Poeſie!“

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Die Wanderer famen wieder auf die Sterne zu fprehen. Johannes belehrte den Freund, wie man ſchnell und leicht den Polarftern finden könne; man dürfe nur die beiven hinterften Radſterne des großen "Wagens als Lineal gebrauchen und von biefen auf- wärts eine gerade Linie in Gedanken ziehen, fo fei ver erfte helle Stern, auf den man ftoße, der Polarftern oder die Cynoſura.

Eginhard ärgerte fih, daß viele Theologen ven Leuten vorſchwatzten, auf den Sternen wohnten reine Geiſter, körperloſe Eſſentialia, da von folden doch Millionen in einem Fingerhute Platz hätten und feine Drionen und Milchſtraßen dazu brauchten.

5.

Halb von finſtern Waldungen, halb von Weinberg⸗ ketten und fröhlichen Saaten umgrenzt, ſtreckte das alte Schloß Buchenfels ſeine grauen, epheuumrankten Stein⸗ maſſen mit allem Trotze einer ehemaligen Raubburg in die blaue Frühlingsluft. Wie wohl der eine Theil

des Schloſſes faſt ganz unbewohnbar war, ſo gewährte

doch der andere, der ſein Daſein einer weit ſpäteren Zeit verdankte, einen recht angenehmen Sommerauf—⸗ enthalt. Gleichwohl wollte ſich der weibliche Theil der Familie Wertheim mit dem alterthümlichen Ge⸗ bäube, mit feinen hohen Gemädern, dunkeln Kreuz- gängen, Wenbeltreppen und unergründlichen Yeljen- fellern ganz und gar nicht befreunben, wie jehr man fonft der mittelalterlihen Romantik im Walter Scott zugethan war.

Der unbewohnte ältere Flügel des Schlofjes ftand vollends im Berruf, und es unterlag gar feinem Ywei-

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fel, daß er vom Grunde bis zum Giebel voller Ahn- frauen, Kobolve, Zwerge, Teuerfpeiern und Rettenflirrer wimmele. War e8 doch felbft der weiblichen Neugier noch nicht gelungen, das Füßchen einer fchönen Be— wohnerin von Buchenfels nach dem Bibliothefenfaale, bem noch am beften gehaltenen Gemache des alten Schloſſes zu lenken und dem räthfelhaften alten Bi— bliothefar einen Beſuch abzuftatten.

Wie ein altes Inventarienftüd war biefer einzige Bewohner des alten Flügeld von einem Befiter auf den andern fortgeerbt und endlich an den alten wadern Wertheim gelangt. Laut Teitamentsflaufel erhielt ex freie Wohnung, Koft, nebft einem kleinen Jahrgehalte von dem jedesmaligen Beſitzer.

Bergebens hatte ihm Wertheim einen wohnlicheren und freundlicheren Aufenthalt im neuen Scloßtheile angeboten; vergebend war er oft zur herrichaftlichen Tafel eingeladen worden; der Bibliothekar wußte fi immer zu entfchuldigen und endlich hatte man den alten Sonderling gehen Laffen.

Aber eben dieſes zurüdhaltende, menſchenſcheue Berhalten des Mannes gab dem ſchönen Publiko Stoff zu taufenverlet abenteuerlihen und romantiſchen Ber- muthungen; und Signor Baſilico, dies war fein Name, war nothwendigerweiſe Niemand anderes als der Ober- bireftor und Regiffeur von alle den Ahnfrauen, Ko— bolden, Gnomen und Sprühteufeln. Ein fchwarzer Kater, eine höchſt myſtiſche Perfon und fteter Be—

gleiter des Bibliothekars, war nicht geeignet, Die

- Bermuthungen des fehönen Publikums in Zweifel zu ftellen. |

Der geneigte Leſer, jo er das erſte Kapitel dieſer außerordentlihen Hiftorte mit Andacht ftudirt hat, wird fi) über die Beſtandtheile des ſchönen Publi=

\

28.

kums auf Buchenfeld nicht lange den Kopf zerbreden. Sie waren in der Welt Niemand anderes, als vie Berfaflerin des niedlichen Poſtſeripts im Briefe an Sohannes, die wunberliebliche fiebzehnjährige Pauline und die reizende Marie, die zwei Jahre ältere Schwe- ſter. Auch die Mutter des ſchönen Schweiterpaures, Wertheim's trefflihe Gattin und Hausfrau und des Paftors fehr hübſche Camilla müfjen mit vollem Rechte hierher gerechnet werben.

Die antiquariihen, heralpifchen und artiftifchen Unterfuhungen des alten Schloßtheiles waren daher mit Recht auf die Ankunft der courageufen Muſenſöhne aufgefchoben worden. . Daxließe ſich eher etwas rigfi- ven, hatte Bauline gemeint.

„Ro fie nur bleiben,‘ frug dieſe eines Tages beim Nachmittagsfaffee, der auf dem Bulfone des Schlofjes eingenommen ward, von wo man bie erguidende Aus- fiht über das große ſchöne Thal genoß; „Du baft den Brief gewiß wieder liegen laſſen, liebes Vä— terchen

„Schweig,“ zankte Wertheim in feiner drolligen Manier, indem er die Tabafswolfen in vie blaue Luft blies, „Legen lajlen? Wünſcht Jemand, daß der Hans da wäre, bin ich's. Der berrlihe Junge, hab’ ihn faft anderthalb Jahre nicht gejehen. Ihr ſeid's gar nicht werth, daß er die fchöne Werienzeit unferer Ein- fievelet zum Opfer bringt. Er thut es auch blos mir zu Liebe.“

„Wie doch die Zeit vergeht,” ſprach finnend Die Mutter. „Du befuchteft nody die Schule, Baulıne, als er und das letzte Mal befuchte, und Marie war nicht lange vorher confirmirt worden.‘

„Iſt vafend im vie Höhe geſchoſſen,“ bemerkte

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stheim, „ih ſprach ihn das legte Mal, als ic & feine Univerſitätsſtadt reiſte.“ „sb tann mih nicht viel auf ihn befinnen,“ ste Pauline. „DO, ec fteht noch vor mir,“ ſprach Marie, „mit Raftanienloden; er war immer fo janft und ſchüch— . Cr iſt gewiß recht hübſch geworden.” „3a, aber ur nicht gleich Berliebend angefangen, . Seufzer und Mondſchein,“ proteitirte der Alte, in w Zone, der zu gutmüthig Hang, ald daß er hätte ugen können, „das wäre mir: Da wollen wir vie I vernünftiger anwenden.” . „Beruhige Dich, Väterhen, lachte Marie, „das e ja zu tragiſch.“ „Bor mir bat er auch Ruhe, entſchied Pauline . ı deflamirte mit Pathos: u „Ruhig werd' ich ihn ericheinen,

Ruhig geben ſeh'n.

Seiner Augen ſtilles Weinen

Kann ich nicht verſteh'n.“ Alle mußten lachen. Nur der Vater brummte für 2 „babt gut Lachen, va die Gefahr nicht da iſt.“

b.

Es lebt ein Weib im Norden, Ein ſchönes Weib, königlich ſchön; Die hobe Cypreſſengeſtalt Umſchließt ein lüſtern weißes Gewand; Die dunkle Lockenfülle, J Wie eine ſelige Nacht, ergießt ſich Von dem hoben, flechtengekrönten Haupte. Sie ringelt ſich träumeriſch ſüß Um das ſüße blaſſe Antlig, Und aus dem füßen blafien